Eine Hakenleiste, eine Decke und Raf Simons
Ende Oktober beginnt sich ein Haus zu füllen. Die Mäntel kommen aus dem Keller zurück, Schals und Mützen liegen wieder an der Tür, und die Decken, die den Sommer gefaltet im Schrank verbracht haben, wandern zurück aufs Sofa. Keines dieser Dinge ist groß, aber zusammen verändern sie einen Raum. Die Frage, wohin damit, die im Juli noch belanglos schien, wird unmerklich zu einer Frage danach, wie man leben möchte.
Die Shaker hatten darauf eine ungewöhnlich klare Antwort. Ihr vollständiger Name lautete United Society of Believers in the Second Coming of Christ, eine religiöse Gemeinschaft, deren Gründerin Ann Lee 1774 mit einer kleinen Gruppe von Anhängern aus England nach New York übersetzte. Im folgenden Jahrhundert errichteten die Shaker Dörfer in ganz Neuengland und darüber hinaus und wurden für ihre Gebäude und Möbel ebenso bekannt wie für ihren Glauben. Diese Möbel folgten, wie es der National Park Service der USA beschreibt, den Grundsätzen Ordnung, Nutzen und Dauerhaftigkeit. Jedes Stück wurde für einen bestimmten Zweck und einen bestimmten Platz im Raum gebaut.

Das prägendste Element eines Shaker-Interieurs war gar kein Möbelstück. Es war die Hakenleiste, ein Holzstreifen an der Wand, in den in regelmäßigen Abständen gedrechselte Zapfen gesetzt waren. In vielen Räumen lief sie an allen vier Wänden entlang, und an ihr hing, was der Raum brauchte: Kleidung, Hüte, Körbe und die Stühle selbst. Eine Kuratorin des Hancock Shaker Village in Massachusetts hat erklärt, dass man die Stühle an die Zapfen hängte, um den Boden darunter reinigen zu können, und dass sie oft kopfüber hingen, damit sich kein Staub auf der Sitzfläche sammelte. So entstand ein Raum, der sich in einer Minute leeren ließ. Der Boden blieb frei, und die Wände trugen das Leben des Hauses offen sichtbar. Ein verwandter Gedanke stand in diesem Journal schon einmal im Mittelpunkt, in der Geschichte eines Stuhls, der an die Wand gehört.
Raf Simons kam auf einem weniger naheliegenden Weg zu den Shakern. 1968 in Belgien geboren, studierte Simons in Genk Industrie- und Möbeldesign und arbeitete kurz als Möbeldesigner, bevor er sich der Mode zuwandte und 1995 ein Herrenmodelabel gründete. Später leitete er die Ateliers von Jil Sander, Dior und Calvin Klein, 2020 wurde er Co-Creative-Director bei Prada. Seine Zusammenarbeit mit Kvadrat, dem dänischen Textilunternehmen, das Poul Byriel und Erling Rasmussen 1968 in Ebeltoft gründeten, wurde im Januar 2014 erstmals gezeigt, mit einer Kollektion von Möbelstoffen. Kvadrat heißt auf Dänisch Quadrat, die Grundeinheit jedes gewebten Stoffs.

Im August 2022 ging die Zusammenarbeit vom Stoff in die Wohnung selbst über. Während seiner Zeit in den Vereinigten Staaten hatte sich Simons für die Kultur der Shaker zu interessieren begonnen, und die neue Linie entstand um ein einziges Objekt, das ihr entlehnt ist. Das Shaker System ist eine waagerechte Leiste aus pulverbeschichtetem Aluminium, bezogen mit Vidar, einem dichten Wollstoff von Kvadrat mit ruhiger, satinartiger Oberfläche. Sichtbare Zapfen hat die Leiste nicht. Die Aufhänger sind verborgen, sodass die Dinge knapp unter ihrer Kante zu schweben scheinen. Simons dachte dabei auch an den amerikanischen Bildhauer John McCracken, dessen einfarbige Planken an Galeriewänden lehnten, und die Leiste hat etwas davon: ein einzelner Farbblock, skulptural in den Proportionen, der auch dann als Objekt wirkt, wenn nichts an ihm hängt. Die Idee sei gewesen, so Simons zum Start, ein ganzes Haus zu denken, Raum für Raum.

Was an der Leiste hängt, ist zumeist Wolle. Der Lambswool Throw ist leicht und weich, am Rand mit einem Überwendlichstich in Kontrastfarbe gefasst und trägt ein kleines Etikett, das Simons im Archiv von Kvadrat gefunden hat: das ursprüngliche Zeichen des Unternehmens aus den 1960er-Jahren. Über die Leiste gelegt, wird die Decke Teil der Wand; abends abgenommen, ist sie wieder eine Decke. Das passt zur Jahreszeit. Im Winter wird eine Decke jeden Tag gebraucht, und ein Platz, an dem sie sichtbar hängen darf, statt in einen Korb gestopft zu werden, macht sie zu einem Objekt statt zu einer lästigen Pflicht.

Die schwereren Decken übernehmen ihre Machart aus der Schneiderei. Ein Doubleface-Stoff ist so gewebt, dass er zwei rechte Seiten und keine linke hat; deshalb können Mäntel daraus ohne Futter bleiben, denn innen ist der Stoff so fertig wie außen. Der Double Face Wool Throw nutzt das für zwei verschiedene Farben auf Vorder- und Rückseite und schließt den Rand mit einem Mantelsaum statt mit einem Deckenstich, dazu eine Borte mit fortlaufend gedruckter Schrift. Das Gegenstück aus Kaschmir wird mit getrockneten Disteln ausgerüstet, einem alten Verfahren, um die Oberfläche von Wollstoffen aufzurauen. Über Jahrhunderte zogen Tuchmacher die hakigen Samenstände der Weberkarde über das Gewebe, um seine Fasern aufzurichten, zuerst von Hand in Holzrahmen, später auf rotierenden Walzen, bis Metallkratzen sie im 20. Jahrhundert weitgehend ablösten. Auf der Decke hinterlassen die Disteln eine leicht gewellte Oberfläche, die wie von Hand gemacht wirkt. Kvadrat beschreibt sie schlicht als eine Decke, gemacht wie ein Mantel.

Nicht alles an der Leiste ist weich. Das Leather Mirror Tray ist ein rechteckiger Spiegel in einem lederbezogenen Kastenrahmen, unten mit Vidar-Wolle ausgekleidet. An einem Lederriemen aufgehängt, ist es ein Spiegel neben der Tür; auf den Tisch gelegt und umgedreht, wird es zum Tablett für Schlüssel und Münzen. Das ist ein sehr shakerhafter Gedanke, ein Gegenstand mit zwei Aufgaben und ohne Schmuck, und er erklärt, warum das System nach den Räumen eines Hauses geplant wurde und nicht nach einer Produktliste. Flur, Wohnzimmer und Schlafzimmer erhalten jeweils ihre eigene kleine Auswahl an Dingen, und die Leiste trägt sie alle auf dieselbe Weise.

Die Kampagne, mit der das System vorgestellt wurde, entstand auf der schwedischen Insel Gotland, in Räumen mit Arbeiten des schwedischen Gestalters Axel Einar Hjorth und mit Stücken der Jahrhundertmitte aus Simons' eigener Sammlung. Die Bilder sind karg bis an die Grenze der Strenge: eine weiß getünchte Wand, eine raue Bank, eine einzelne Leiste mit zwei oder drei Dingen daran. Sie zeigen, was die Shaker über häusliche Ordnung verstanden hatten. Es geht weniger darum, wenig zu besitzen, als darum, jedem Ding einen sichtbaren Platz zu geben, sodass ein Raum die Wolle eines ganzen Winters aufnehmen kann und trotzdem ruhig wirkt.

Die Hakenleiste war nie dazu gedacht, bewundert zu werden. Sie war ein Werkzeug, an der Wand befestigt, damit eine Gemeinschaft ihre Räume sauber und ihre Habe in Reichweite halten konnte. Rund zwei Jahrhunderte später ist sie zum Bezugspunkt für einen Modedesigner und ein dänisches Textilunternehmen geworden, gefertigt aus Aluminium und Wolle und in etwa 160 Zentimetern Höhe aufgehängt. Am Prinzip hat sich kaum etwas geändert. Ein Raum im Winter lebt sich leichter, wenn die Dinge, die er braucht, dort hängen, wo man sie sieht.
Bilder: Courtesy of Kvadrat/Raf Simons
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